Make SPD great againSeit knapp zwei Wochen wissen wir´s: Martin Schulz ist Kanzlerkandidat der SPD und neuer Parteivorsitzender. Das war eine gelungene Fast-Überraschung. Die SPD-Basis jubelt. Der neue Außenminister jubelt. Die Presse jubelt, wenn zunächst auch deutlich irritiert. Die CDU überschlägt sich in Bekundungen von Gelassenheit (Kauder: „…völlig unbeeindruckt…“). CSU-Repräsentanten versuchen sich in Schmähungen unterhalb der roten Linie des Strafrechts (Scheuer: „Letztes Aufgebot“).

Zeitungen, Rundfunk und TV zeigen sich ob der Nachricht hin- und hergerissen. Einerseits flackerte schnell Begeisterung auf. Bot sich doch endlich wieder ein schicker Anlass, dem Polit-Personal schlagzeilenträchtig nachzustellen. Beim monatelangen Frage-Ritual, wann Gabriel sich denn endlich…und ob er denn wirklich…, konnten selbst die Fragesteller kaum mehr ein Gähnen unterdrücken. Jetzt durfte man vor neuen Horizonten wieder richtig loslegen.

Andererseits gab es doch reichlich Grund zum Lamentieren. Denn wer hatte als Erster die Neuigkeit erfahren? Der STERN! Die in concreto Unterprivilegierten konnten sich gar nicht einkriegen. Wie befremdlich! Wie taktlos! Nicht einmal die Partei-Basis war informiert!  Stillos! Total chaotisch! Noch bevor Martin Schulz PIEP sagen konnte, hatte er nach herrschender Journalistenmeinung ein Chaos verursacht. Gabriel natürlich auch, aber von dem war man ja nichts anderes gewohnt. Nun aber auch Schulz. Respektvoller Umgang mit öffentlichen Ohren sieht anderes aus. Das musste mal in eigener Sache gesagt werden.

Was eigentlich das Chaos zum Chaos gemacht hatte, sagte einem freilich keiner. Das verstand sich offenbar von selbst. Dabei waren die Aussagen aller Akteure glasklar gewesen, der Zeitpunkt – schon mit Blick auf die Agenda unseres künftigen BuPrä – geradezu naheliegend und das Ergebnis aus fast jedem Blickwinkel plausibel. Das Chaotische lag also offensichtlich darin, dass keiner damit gerechnet hatte. Und viele ahnungsvollen Beiträge der letzten Monate plötzlich als ahnungslose Spekulationen dastanden.

Die medialen Schnappatmungen währten aber nur kurze Zeit. Danach war auch dem letzten Praktikanten klar, wonach gefragt werden musste, wollte man mit Blick auf den frisch Gekürten Problemträchtiges zu Tage fördern: Nach seinen innenpolitischen Positionen. Kürzer noch: Nach den Inhalten! Da ging einem nicht der Stoff und es gingen auch nicht die Interviewpartner aus. Dazu konnte (und wollte) jeder etwas sagen, und in ambitioniertem Einsatz von journalistischem Scharfsinn und Mitteilungsbedürfnis der Befragten ließen sich im Minutentakt Politikfelder finden, zu denen zum verbreiteten Befremden selbst 48 Stunden nach der Inthronisation nichts Detailliertes aus dem Kandidaten herauszuholen war. So brachte Anne Will trotz präziser Erkundigung („Können Sie Kanzler, Herr Schulz?“)  kein fertiges Regierungsprogramm aus ihrem Gegenüber heraus, sondern nur das glaubwürdige Geständnis: „Ich will gewinnen“. Und auch der Umstand, dass sich die besorgten Querfalten auf der Stirn von Bettina Schausten gar nicht mehr glätten wollten, nachdem ihre bohrenden Fragen nach Umfang und Grenzen eines Gesamtkonzepts von sozialer Gerechtigkeit nicht viel mehr als ein treuherziges Plädoyer für würdige Renten von Altenpflegerinnen, Polizisten und Busfahrern eintrugen, befestigte nur die Vermutung, dass der Tiefsinn einer Antwort irgendwie mit dem Tiefsinn der Frage zusammenhängen könnte.

Und tiefsinnige Fragen schossen überall wie Pilze auf: Von der Recklinghäuser Zeitung bis zur Süddeutschen, von Bild bis SPON, vom Lokalsender zu DLF und auf allen Fernsehkanälen sowieso – überall wird seit fast zwei Wochen die Kanzlertauglichkeit des Martin Schulz abgeklopft – immer von der Vorstellung beseelt, wer sich um das Amt des Bundeskanzlers bewirbt, der muss schließlich wissen, was er wo wie erreichen will, und zwar umfassend, detailliert und von der ersten Minute an. Also liest (wenn man die Zeitung aufschlägt), hört (wenn man das Radio anschaltet), sieht (wenn man sich vor dem Fernseher niederlässt) – sobald die neueste Horrornachricht aus dem Oval Office verdaut ist – der Medienkonsument unausweichlich Fragen nachfolgenden Kalibers: Wie will Martin Schulz mit der Flüchtlingskrise umgehen? Und in diesem Zusammenhang: wie mit der Türkei? Was sagt er zum Klimawandel? Und zur Genderfrage? Hat er denn eigentlich ein Rentenkonzept? Was hält er von Steuersenkungs-, was von Steuererhöhungsplänen? Beides bitte konkret auf Vermögens- und Erbschaftssteuer bezogen. Und auch das Problem der Kapitalertragssteuer bedarf der Lösung! Womit man beim Finanzmarkt wäre – wie soll denn da die soziale Gerechtigkeit Einzug halten? Den Arbeitsmarkt darf er natürlich auch nicht vergessen. Wie will er den sozialen Wohnungsbau ankurbeln (oder will er das am Ende gar nicht?), was dann gleich auch die Frage nach der Mietpreisbremse aufwirft. Auch zur Nachfolge des zurückgetretenen Bahnchefs Grube hätte man gern einen fundierten Vorschlag. Schulz´ Antwort auf die entsprechende Journalistenfrage, „das muss die Koalition entscheiden“, wurde zwar nicht explizit als entscheidungsschwach identifiziert, ließ aber doch einen erkennbar enttäuschten Fragesteller zurück.

Dass Martin Schulz selbst einmal für die Antwort parat steht, ist naturgemäß die Ausnahme. Meist ist es ein anderer Experte, der für (oder gegen) ihn spricht. In den allermeisten Fällen lässt bereits die Person des Befragten bzw. seine politische Farbe Rückschlüsse auf die zu erwartende Antwort zu (wenn man es nicht vorher erführe, könnte man ein heiteres Parteienraten an die jeweilige Expertenmeinung anschließen). Im Regelfall gilt: Überschäumend optimistisch (SPD), bedenkentragend, aber nicht hoffnungslos (Grüne), krötenschluckend aber ergebnisoffen (Linke), gemessen staatstragend und allenfalls ganz leicht beunruhigt (CDU), hinterfotzig (CSU) und schweigend, weil nicht gefragt (AfD).

Leichte Abweichungen gibt es natürlich auch. Die sorgen dann für ein wenig Auflockerung des drögen Settings. So säuselt etwa CDU-Laschet (Schulz-Experte bei Express, focus, Bild, Recklinghäuser Zeitung und Ostseezeitung, außerdem bei etlichen Regionalsendern ein gern gehörter Gast): „Als Aachener Nachbar schätze ich Martin Schulz aus Würselen in Europa-Fragen“. Aber eben Europa und Würselen. Das passt. Nun aber geht es um deutsche Innenpolitik und die hierfür nötige Kompetenz. Da reicht es doch nicht, dass er aus dem verschlafenen EU-Parlament, das von den Mitgliedsstaaten jahrzehntelang für die personale Resteverwertung missbraucht worden ist, eine politische Institution von gewissem Rang geformt hat. Und außerdem, so Laschet, muss Schulz sich an der Berliner Regierungsarbeit messen lassen. Politischen Dreck kann man schließlich nicht loswerden, indem man seine Hände in Unschuld wäscht! Host mi??

Man kann es auf einen kurzen Nenner bringen. Die deutschen Medien haben sich bisher nicht viel Originelles zum KK Schulz einfallen lassen. Weder Positives noch Negatives. Nur Belangloses. Vielleicht steht ja der Qualitätsjournalismus noch in den Startlöchern und wartet darauf, dass es wirklich etwas mitzuteilen gibt.