Deutsche Sprache, schwere Sprache – man kennt das. Viele Deutsche, Nichtdeutsche, Muslime, Christen, Juden, Buddhisten (von denen in letzter Zeit erstaunlich wenig die Rede ist), viele Menschen eben, beherrschen diese Sprache nicht wirklich.

Die mit Migrationshintergrund (meine Wenigkeit etwa) haben sowieso Schwierigkeiten, erlauben sich Ungenauigkeiten, ja müssen an der perfekten Meisterschaft scheitern, da sie nicht gelernt haben, was sie hätten lernen können, wenn sie (und/oder die Väter, die Mütter, die Lehrer usw.) sich angestrengt hätten.

Herr Westerwelle, Außenminister Deutschlands, hat gesagt: „Die Beschimpfung einer Religion, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, ist bei uns untersagt“. Das ist schnell gesagt, auch, wenn aufgeschrieben, schnell gelesen, überlesen, doch, wenn man genau liest, dann stutzt man, denn es stellt sich die Frage ein: Worauf bezieht sich der Relativsatz, also das „die“? Es liegt nahe, die „Religion“ ins Auge zu fassen, da sie syntaktisch am nächsten steht. Dann aber hält man eben inne, da doch eine Religion, die den öffentlichen Frieden stört, wohl nicht ganz ohne Weiteres Beschimpfungsschutz verdiente. Gemeint hat Westerwelle wahrscheinlich etwas anderes, nämlich die Beschimpfung selbst, die geeignet ist, den Frieden zu stören. Der Relativsatz bezieht sich also auf Beschimpfung. Relativsätze können durchaus auf Entfernteres, weiter zurückliegende Satzbestandteile, bezogen werden, der Bezug ist aber nur dann korrekt und eindeutig, wenn zwischen den gewollt aufeinander bezogenen Begriffen nicht weitere Bezugsmöglichkeiten treten, die zu Konfusion führen.

Westerwelle hat also einen unglücklichen und letztlich falschen Satz gesagt. Westerwelle ist Politiker. Die Erwartungen diesen gegenüber sind im Allgemeinen und auch im Grammatischen begrenzt. Schwamm drüber.

Michael Kleeberg ist ein (mir bislang unbekannter) Essayist und Schriftsteller, so „Der Spiegel“. Kleeberg hat in der jüngsten Ausgabe des Magazins eine „Polemik“ unter dem Titel „Das Gesetz ist für alle gleich“ veröffentlicht. Es geht um das Buch des Berliner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky „Neuköln ist überall“. Sarrazin läßt grüßen. Warum nicht.

Kleeberg gefällt der Satz Westerwelles nicht: „In Wahrheit muss dieser Satz anders lauten“. Nämlich: „Die Beschimpfung einer Religion, deren Vertreter drohen, den öffentlichen Frieden zu stören, ist genau deswegen bei uns untersagt“. Ehrlich gesagt verstehe ich diese Richtigstellung des Westerwelle-Satzes nicht so recht. Das Problem sind wieder die Relationen. Kleeberg scheint sagen zu wollen: Die Vertreter einer bestimmten Religion drohen, den öffentlichen Frieden zu stören – diese Religion zu beschimpfen ist untersagt – „genau deswegen“ heißt dann vielleicht: wegen der Störung des öffentlichen Friedens. Also doch Beschimpfungsschutz (siehe oben)? Das leuchtet nicht ein. Einleuchten würde (ob man dem zustimmt oder nicht), wenn „deren Vertreter“ sich auf die „Beschimpfung“ bezöge. Das allerdings ist noch sprachkorrupter als Westerwelles Relationsunklarheit. Aber es geht weiter, denn „in Wahrheit“ enthält die Berichtigung Westerwelles durch Kleeberg einen zweiten Satz, der sich an den ersten direkt anschließt: „Die Beschimpfung einer Religion dagegen, deren Vertreter ihren Abscheu mit zivilen Mitteln kundtun, ist erlaubt“. Jetzt verstehe ich wirklich nur noch Bahnhof, denn das heißt doch: Eine brave, zivil daherkommende Religion, darf beschimpft werden – im Gegensatz zu der brutal daherkommenden Religion. Nein, das kann und darf nicht sein. Das können weder Westerwelle noch Kleeberg ernsthaft meinen.

Andererseits, kann man tatsächlich und sprachlich „Vertreter“ einer „Beschimpfung“ sein? Dies angenommen, würden die Sätze Kleebergs irgendwie einen nachvollziehbaren Sinn ergeben, ganz wie oben bei Westerwelle, wenn man die Relation auf das Entfernte bezieht. Und siehe da, es gibt einen dritten sich anschließenden Satz Kleebergs: „Siehe die ‚Titanic’-Häme gegen den Papst.“ Damit ist die Sache klar: „Deren Vertreter“ bezieht sich auf „die Beschimpfung“, denn die Titanic ist zweifelsohne eine Institution, die „mit zivilen Mitteln“ arbeitet, eine zivile Beschimpfungsvertreterin mithin.

Wie gesagt: deutsche Sprache, schwere Sprache. Daß allerdings auch deutsche Schriftsteller mit der deutschen Stellung der deutschen Satzteile derart auf Kriegsfuß stehen ist jammervoll. Und welch ein verkümmerter, verkrümelter, verkrüppelter Stil! Beschimpfungsvertreter. Selbst Westerwelle ist im Falschen noch besser. Was sollen unsere ubiquitären Neuköllner, falls sie doch ausnahmsweise Deutsch gelernt haben, dazu nur sagen?